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Teil 1 >>

Nach Kursk hat es mich verschlagen, weil dort eines der jetzt schwer in Mode gekommenen Foren zur ökonomischen Entwicklung der mittelrussischen Region stattfand. Die Organisatoren meinten wohl, dass ich mich dort auch ganz gut machen würde, habe ich doch schon ähnliche Veranstaltungen in Perm, Kaluga und Kazan mitgemacht.

Aber nicht nur einfach so, ich hatte mein Serviceprojekt parat und versuchte es den Regionen schmackhaft zu machen. Somit konnte ich im Gegensatz zu einigen Forumstouristen aus der Abgeordnetenebene, die nur auf Staatskosten im Lande umher reisen, sich extra kutschieren lassen und auch sonst ihre Privilegiertheit schamlos heraus kehren, ein ruhiges Gewissen haben.

Kursk macht als Stadt nicht sehr viel her, offenbar ist im Kriege sehr viel verloren gegangen und nach dem Kriege hatten neben Minsk und Stalingrad andere Städte wohl den Vorrang. Die Stadt ist für Landesverhältnisse auch nicht besonders groß, ungefähr eine halbe Million Einwohner leben da. Sie haben sich die Highlights in die Stadt geholt, es gibt einen Roten Platz, einen Newski, na, nicht ganz, keinen Newski Prospekt wie in Petersburg, sondern eine Newskistrasse. Ist doch auch schon was. Der Rote Platz breitet sich vor dem Weißen Haus, dem Sitz der Gebietsverwaltung, aus.

Aber auch anderes fand Einlaß in die Stadt: es gibt über Gebühr die stark in Mode gekommenen Einkaufszentren. Auf Schritt und Tritt stehen vieleckige gläserne Einkaufstempel und werben um zahlungskräftige Käufer. Das gestaltet sich schwierig, denn das Einkommen liegt deutlich unter dem Moskowitischen.

Der Rhythmus der Stadt hebt sich wohltuend von der Rasanz Moskaus ab, die Luft ist weich und sauber, es ist wie ein Kurzurlaub vom Moskauer Alltag. Die kursker Nachtigallen würden es ja in einer vermieften Stadt auch nicht aushalten können. Die Nachtigallen sind sozusagen ein besonderes Wahrzeichen der Stadt. Sie treten hier in großer Zahl auf und werden neuerdings auch touristisch vermarktet. Wir bekamen auch alle eine CD mit dem Gesang der kursker Nachtigallen zum Andenken geschenkt.

Nach Forum, Empfang und individuellem Networking erwartete uns alle ein besonderer Höhepunkt. Am zweiten Tag fuhren wir in aller Frühe aus der Stadt, Richtung Kloster Korenoi Pustyn, welches 1597 gegründet wurde. In der Nähe des Klosters fand seit 1708 der inzwischen wieder berühmte Korensker Jahrmarkt statt. Jahrmarkt ist natürlich auch ein Synonym für Volksfest, gutes Essen und Trinken. Der Jahrmarkt hatte für das Gebiet eine große wirtschaftliche Bedeutung, im XIX. Jahrhundert wurden ungefähr 7 Millionen Rubel dort umgesetzt, mehr als auf allen anderen Jahrmärkten der Region.

Im XX. Jahrhundert endete die Tradition des Korensker Jahrmarktes, der gleichzeitig ein großes Fest der orthodoxen Kirche mit einer beeindruckenden Prozession war. Ilja Repins Bild: Kirchenprozession im Kursker Gouvernement basiert auf der Prozession von Koren. Die Kirche erlebte schwere Zeiten, der Sozialismus trat seine Macht über die Köpfe der Menschen an. Erst im Jahre 2001 nahm man die Tradition des Jahrmarktes wieder auf. Heutzutage ist er wieder ein Großereignis im Kursker Gebiet, zu dem Gäste und Händler aus benachbarten Regionen, auch aus Weißrussland und der Ukraine anreisen. Die Prozession findet auch heutzutage wieder statt und paralysiert den gesamten Stadtverkehr für einen halben Tag.

Der Jahrmarkt ist ein wahres Fest der Sinne. Zu kaufen gibt es nahezu alles: kulinarische Spezialitäten aus verschiedenen Regionen, Weine, Käse, Tees, Kunstgegenstände, Volkskunstschaffen (da liegen die tönernen Nachtigallen, die mit Wasser gefüllt werden, damit sie beim Hineinblasen trillern), ganz vorne, Bücher, Ikonen und natürlich das übliche Angebot der Märkte – Klamotten für jeden Geldbeutel. Um die Mittagszeit werden Tonnen von schmackhaftem goldbraun gegrillten Schaschlyk und fettige ukrainische Würste verdrückt und mit Kwas hinunter gespült.

Das Festival kosakischen Liedgutes war ein besonderes Schmankerl. Blickte man auf die Chöre, hatte man sofort Szenen aus dem „Stillen Don“ vor Augen. Die Kosaken in ihren Uniformen prägten das Bild des Jahrmarktes, sie waren in großer Zahl erschienen. Mit Kind und Kegel.

Gleich neben dem Jahrmarktsgelände besuchten wir den Stab der Schlacht im Kursker Bogen, schauten in den Unterstand Rokossowskis. Am beeindruckendsten war für mich aber der Blick auf das Gelände de Schlacht, heute sanfte grüne Hügel und Niederungen, wo damals in der gewaltigsten Panzerschlacht des zweiten Weltkrieges die Gegner aufeinander prallten. Das verstärkt as Glücksgefühl, als Deutsche unbeschwert flanieren und den Duft der Geschichte schnuppern zu können.

Als wir neben dem Jahrmarktsgelände auch das Kloster und den Stab ausgiebig besucht hatten, schloss sich der Jahrmarkt langsam, es war gegen 17 Uhr. Unglaublich, wie friedlich und freundlich das alles ablief. Die Gäste aus Moskau gestanden neidvoll ein, dass solche Großveranstaltungen in Moskau anders ausklingen. In Kursk sahen wir weder Besoffene, noch hörten wir Flüche und Zoten, keine Müllberge ringsum – einfach anders, angenehmer und schöner. Vielleicht sollte man um Moskau eine hohe Maue bauen, damit es das Land nicht anstecken kann mit seinen Unarten.

Der Zug zurück entschädigte mich für die erlittene Hinreise. Der Nachtigallenexpress, der zwischen Moskau und Kursk verkehrt, ist ein neuer Zug mit hellen, airkonditionierten Abteilen, ansprechbaren Wasch- und Toilettenräumen, so dass das Reisen wieder Spaß macht. Die Toiletten werden nicht, wie in den alten Wagen, vor jedem Halt zugeschlossen, vor Moskau sogar schon eine Stunde. Das macht bei morgendlicher Ankunft schon mal Probleme. Leider gibt es zu wenige neue Züge, die Eisenbahn zieht den Fahrgästen lieber das Geld für die alten Schlurren aus der Tasche, denn der Fahrpreis unterscheidet sich nicht oder nur geringfügig. Business as usual halt.
Wieder einmal machte ich mich auf ins Landesinnere, diesmal zusammen mit vielen Urlaubern, die dem Schwarzen Meer entgegen strebten. Ich wollte nur bis Kursk, rund 550 Kilometer von Moskau entfernt. Kursk gehört zum zentralen Verwaltungsbezirk Russlands. Kursk hat sich ja nach der gewaltigsten Panzerschlacht im zweiten Weltkrieg einen Namen in der Welt gemacht.

Kursk hat aber auch eine sehr poetische Seite, sie nennt sich auch Stadt der Nachtigallen, die es dort in großer Zahl gibt. Im Frühling, in der Paarungszeit, singen sie so stimmgewaltig, dass die Kursker keinen Schlaf finden.

Die Reise nach Kursk begann, wie fast alle Reisen hierzulande, aufregend. Ich hatte Glück, ein Ticket zu ergattern, denn Kursk liegt an der Strecke in Richtung Schwarzes Meer, dass traditionell von den Russen in den Sommermonaten gestürmt wird, sowohl das russische als auch das ukrainische Ufer.

Am Fahrkartenschalter wurde ich gefragt, ob ich in einem russischen oder in einem ukrainischen Zug fahren wolle. Mir ist das eigentlich egal, aber wenn ich schon danach gefragt werde, wird das wohl seinen Grund haben. Ich sondierte vorsichtig das Terrain und fragte, was mir die sehr nette Dame denn wohl empfehlen könne. Sie meinte, die ukrainischen Züge seien weniger zu empfehlen, weil nicht sehr gepflegt. Also disponierte ich ein wenig um und kaufte eine Karte für den Zug Moskau-Feodossija. Leider musste ich mit einem oberen Schlafplatz vorlieb nehmen, die begehrten unteren Plätze im Viererabteil waren schon weg. Aber ich dachte mir, die acht Stunden, noch dazu am Tage, kriege ich schon irgendwie rum, da gehe ich ins Bordrestaurant und muss nicht unbedingt nach oben kraxeln.

Leider hatte man mir verschwiegen, dass mein Zug ein zusätzlicher war. In der Hauptreisezeit werden zusätzlich Züge eingesetzt, um den Strom der Reisenden zu bewältigen. Schon als der lange Zug einrollte, schwante mir nichts Gutes. Die Waggons waren zwar alle schön rot-grau in den Farben der russischen Staatsbahn gespritzt, doch die Fenster und die sehr merkwürdig herum baumelnden Fenstervorhänge ließen auf ein abgewracktes Innenleben schließen.

Das Einsteigen dauert ja immer recht lange, denn der Schaffner oder Zugbegleiter, für jeden Wagen gibt es mindestens einen, vergleicht die Angaben zur Person auf der Fahrkarte mit dem Reisepass. Danach würgen die Reisenden ihr Gepäck die steilen Stufen hoch und in den engen Gang hinein, nach ihrer Kabine Ausschau haltend. Mit stickiger, nicht besonders wohlriechender Luft empfing der Waggon seine Gäste. Selbst ohne das Hinweisschildchen war die Toilette, die gleichzeitig auch Waschraum ist, ohne weiteres auszumachen.

Dieser Zug hatte also in Erwartung der Reisezeit auf einem Abstellgleis herum gestanden und war von den Reinigungsdiensten in keiner Weise verwöhnt worden. Ein Bordrestaurant gab es zu meinem großen Bedauern auch nicht, ein Teil meines Planes fiel also ins Wasser. Die Besatzung bestand aus jungen und sehr freundlichen Zugbegleitern, die aber total ahnungslos waren, was sie da erwartet. Für manche war es die erste selbständige Reise. Es fuhr sogar ein Bordmechaniker mit, weil andauernd etwas kaputt ging. Dieser arme Kerl jagte von Waggon zu Waggon, klappte klemmende Liegen herunter, öffnete Türen und versuchte Rollos zu befestigen. Die zahlreich mitreisenden Kinder machten zum Teil seine Arbeit gleich wieder zunichte und stellten unsere Leidefähigkeit auf eine harte Probe.

Als alle dann ihre Betten bezogen hatten, was auf den oberen Liegen besonders schweißtreibend war, warteten sie auf den obligatorischen Tee, der immer serviert wird. Meistens auch mit ein paar kleinen Snacks dazu, aber das musste diesmal leider ausfallen. Wer nichts zu essen mitgebracht hatte, musste sich bis zum nächsten größeren Halt gedulden, wo dann geschäftstüchtige Frauen Piroggen, Hühnerbeine, Bouletten und gekochte Krebse anboten. Auch Eis, aber das war bei den hohen Außentemperaturen ein Risiko.

Die Russen nehmen aber gewöhnlich immer etwas zu essen mit auf die Reise, weil sie ja auf alle Eventualitäten eingestellt sind. Früher wurden dann gleich nach der Abfahrt die Proviantkörbe ausgepackt: gebratene Hühner, Eier, Schnitzel, Brot, Tomaten, Gurken, Zwiebellauch. Das war sozusagen die Grundausstattung, die sie sogar auf Inlandsflügen bei sich hatten.

Ich war nur mit einer Trockennudelsuppe der Marke Rollton ausgerüstet und baß erstaunt, als die Mitreisenden ebenfalls solche Produkte in großer Zahl auf die kleinen Tische zauberten, Instantkartoffelpüree, knochentrockne Nudeln mit Trockengewürzen usw. Das alles musste nur mit kochendem Wasser, welches an der Therme für alle zugänglich war, übergossen werden. Viele brauten sich auch ihren Tee selbst und bereiteten sich ihren löslichen Kaffee. Tassen und Besteck hatten sie auch dabei.

In unserem Waggon aber streikte die elektrische Therme und es gab nur lauwarmes Wasser. Selbst der findige Mechaniker brachte sie nicht wieder in Gang. Also zerpflückte die junge Schaffnerin ein dickes Werbeprospekt, um unter dem Wasserkessel ein Feuerchen zu entfachen. Früher wurden diese Kessel ja mit Holz oder sogar mit Kohle beheizt. Zum Glück war der Waggon so alt, dass auch die herkömmliche Methode noch funktionierte. Ein paar ungeduldige Reisende hatten sich auf den Weg in die umliegenden Waggons gemacht, um ihre Trockenprodukte mit kochendem Wasser genießbar zu machen, aber der mühselige Gang durch einige nicht leicht zu öffnende Türen brachte nicht den gewünschten Erfolg, die Nudeln lagen dann auf den Puffern oder die Brühe hatte sich über die Kleidung ergossen. Kaffee auf weißen Sommerhosen macht sich auch ganz gut.

Ich hatte mich nicht auf den Weg gemacht sondern das laue Wässerchen über die lockigen Nudeln gegossen. Nun konnte ich mein Mahl in aller Ruhe lutschen und knackend knabbern, von Moskau über Tula und Orjol, bis ich dann endlich in Kursk ankam.

Ein Tag im Leben der Hoftrinker

Ist wieder mal typisch, bei uns hält sich der Winter fest, zeigt uns das schönste Kaiserwetter mit blauem Himmel, Frost und viel Schnee, während andernorts schon die Frühlingsblüher sprießen. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf, denn der Frühling kommt hier dann mit aller Macht und sehr schnell.

Und die Höfe, die im Prinzip nie leer und ohne Leben sind, werden bei warmem Wetter noch belebter. Die Moskauer Höfe, wie auch die Höfe landesweit und in den benachbarten slawischen Republiken, sind nicht nur Treffpunkt für Kinder, Mütter und agile Rentnerinnen, die ich Speznaz getauft habe, weil sie wie gute Spezialeinheiten über alles Bescheid wissen, sondern auch für die Sprittis, die jeden Tag einen auf die Lampe gießen.

Das Geld ist bei ihnen knapp, denn sie leben entweder allein und können nichts auf die hohe Kante legen, oder sie werden von den Ehefrauen kurz gehalten, damit nicht alles durch die Kehle rinnt.

Noch bevor die Mütter mit den kleinen Kindern das Terrain entern, sind die Sprittis die hier genialerweise Mitfläschler heißen, schon auf dem Damm, so zusagen zur rush hour Sie trinken irgend eine Brühe, mal rosa, mal rot, mal grünlich, den billigsten Fusel, den man auch Tschernila, zu deutsch Tinte, nennt. Entweder die Flasche kreist oder es gibt sogar ein Glas, welches ebenfalls kreist. Tja, Alkohol desinfiziert, da kann nix passieren.

Nach der ersten Pulle geht ein Gewusel in der Truppe los, man sinnt auf Möglichkeiten, Nachschub zu holen. Manchmal kommt ein Saufkumpan, ein echter Mitfläschler also, mit einer Flasche vorbei, da kommt Freude auf. Der Zubiß ist abenteuerlich, eine Salzgurke, ein zweifelhafter Fisch oder einfach trocken Brot. Sollte ihnen das große Glück zuteil werden, eine Flasche Wodka aufzutreiben, dann kommt das einem totalen Abschuss gleich. Das ist zu starker Tobak. Danach müssen sich alle auf ein Nickerchen zurückziehen.

Die angesäuselten Gestalten sind dann für ein paar Stunden unsichtbar, erst am späten Nachmittag kommen sie noch einmal zusammen, um einen wohlverdienten Feierabendschluck zu nehmen. Dabei kann es dann schon mal zu lauten Auseinandersetzungen oder ein paar Backpfeifen kommen. Ordentlich debattiert und diskutiert wird natürlich auch, sind ja alles kleine Philosophen und gesuchte Spezialisten.

Dann geht der anstrengende Tag zur Neige, der nächste und übernächste wird genau so ablaufen, keinerlei Veränderung bringen. Und diese tausenden von Mannsbildern, die sich durch das Leben schmarotzen, machen ihren Frauen und Familien das Leben zur Hölle. Und die Frauen haben entweder nicht den Mumm sie rauszuschmeißen oder haben Angst vorm Alleinsein. Sonst würden sie die Kerle doch vor die Tür setzen.

Stattdessen lassen sie sich noch zum 8. März von diesen Typen veräppeln und hören sich die ätzenden Trinksprüche an. Und diese Dauertrinker werden nicht nur von den Frauen geduldet, sie avancieren peu a peu zu bei der Obrigkeit recht beliebten Bürgern, denn sie gehen nicht zu Protestmeetings, meckern nicht wegen der verpfuschten Wahlen herum und lassen den lieben Gott einen frommen Mann sein. Die geschmacklose Fernsehkost konsumieren sie auch ohne Murren, Anspruchslosigkeit ist ihr Credo in allen Lebenslagen.

Welch ein Glück für die korrupten und diebischen Beamten, diese Bürger schauen ihnen nicht auf die Finger, sie kämpfen entweder mit ihrem Kater oder mit ihrem Affen. So kann der zerstörerische Teufel Alkohol sogar zum stabilisierenden Faktor mutieren. Es müssen nur genug Leute ordentlich und regelmäßig bechern. Das müssten die dafür zuständigen Beamten eigentlich wissen und ins Kalkül ziehen, und nicht den Verkauf von Hochprozentigem nach 23 Uhr verbieten. Wo kommen wir denn da hin?! Das führt doch glatt zur Revolution.

Alles umkrempeln!

Es weht ein frischer Wind im Mief der gelenkten Demokratie. Die sogenannte Mittelschicht macht ihrem Ärger über die frechen Wahlfälschungen Luft. Sie versammeln sich landesweit, um zu protestieren. Das ist gut und richtig so. Dabei dürfen sie es aber nicht belassen.

Sie müssen sich organisieren, Programme verfassen, die sie der Regierungspartei entgegen stellen können...Collapse )
Viel Spass beim Anschauen! Uns allen hat die Sendung großen Spass gemacht!

Ein Jahr mit dem Neuen

Am 21. Oktober 2010 wurde der 53-jährige Sergej Sobjanin für fünf Jahre in das Amt des Moskauer Oberbürgermeisters berufen. Mit 32:2 Stimmen haben ihn dann die Stadtverordneten gewählt, leider nicht die Bürger der Stadt Moskau. Das traut man ihnen offensichtlich nicht zu. Nach den Wirren der 90er und der Herrschaftsallüren der Gouverneure und Bürgermeister der großen Städte hatte Putin im Jahre 2005 ihre Wählbarkeit abgeschafft. Sie müssen nach der Ernennung von oben nur noch von den örtlichen Parlamenten bestätigt werden.

Neben der direkten Entmündigung des Wahlvolkes, was wohl eher als Stimmvieh wahrgenommen wird...Collapse )

Der Zwickelerlass lässt grüßen

Was im Sommer in Petersburg abging, erinnert sehr an den Zwickelerlass aus dem Jahre 1932, als das preußische Innenministerium um die Moral besorgt war und einen Erlass herausgab, wie Badebekleidung auszusehen hat. Diese direkte Einmischung in die Privatsphäre sorgte für Heiterkeit und Anekdötchen.

Nun will Petersburg einen Dresscode auf den sommerlichen Straßen erzwingen. Mal sehen, ob das Volk ebenso humorvoll und kreativ darauf reagiert. Es ist eine Art Bürgerinitiative, die schon einmal im heißen Sommer 2010 Anlauf genommen hatte, aber nicht durchkam. Ein Mitglied der ehemaligen Zarenfamilie fordert das Verbot von Miniröcken und Shorts und stellt das Tragen dieser Kleidungsstücke mit Trinken in der Öffentlichkeit gleich. Wie soll aber festgestellt werden, was zu kurz ist und was nicht? Polizisten mit Maßband?

Auch die orthodoxe Kirche macht mobil und besonders hartleibige Vertreter fordern in Talk-Shows einen Dresscode für das ganze Land, ganz nach orthodoxem Kanon. Da könnten wir dann die geliebte Hose total vergessen und müssten in mindestens knielangen Röcken, mit bedeckten Schultern und vielleicht sogar im Kopftuch herum laufen. Nicht auszudenken, wenn das durchkäme.
So neu sind die Petersburger Versuche aber nicht. Ich wurde im Juni 1976 auf dem Newski festgenommen, weil ich hot pants trug, die damals der letzte Schrei waren. Als ich auf dem Revier fragte, warum die in Schlüpfer und BH (und in was für welchen!) mitten in der Stadt, an der Peter-Pauls-Festung, badenden Damen unbehelligt blieben, teilte man mir mit, dass Badeanzüge knapp seien. Ich aber, aus der DDR kommend, besäße doch gewiss einen Rock und müsste nicht in diesen kurzen Hosen herumlaufen. Das hatte mich sehr verwundert, dass das so progressive Piter, wie es auch zu Sowjetzeiten von vielen genannt wurde, so konservativ ist. Denn weder in Moskau noch im provinziellen Kaluga, wo ich zur Gruppe der ersten Auslandsstudenten gehörte, erregten die kurzen Hosen Anstoß.

Warum aber kehrt man in schöner Regelmäßigkeit zu dem Unsinn, die Anzugsordnung diktieren zu wollen, zurück? Der alte Drill sitzt halt zu tief. Ob eifernde Christen, hochprozentige „Kommunisten“ oder der so genannte alte Adel – der Unterschied ist relativ gering.
Es sche
int eine Tendenz zu sein, dass man sich von oben mit Dingen beschäftigt, die unnütz oder gar schädlich fürs Volk sind und die eigentlichen Hausaufgaben nicht gemacht werden. So wurde zum Beispiel Bier der Status alkoholischer Getränke gegeben, zusammen mit Schnaps und Wein. Dass heißt dann nicht nur, dass man es nach 22 oder 23Uhr nicht mehr im Laden kaufen kann, das wäre nicht weiter tragisch, sondern dass es Akzisenmarken aufgepappt bekommt, die das Bier automatisch teurer machen. Da wird dann noch mehr gepanscht, um Gewinn zu machen. Anstatt das Reinheitsgebot einzuführen und seine Anwendung zu überwachen, macht man wieder genau das Falsche. Aber das spült Geld in die Taschen, fragt sich nur, von wem. Zum Beispiel in die Taschen derer, die die Akzisenmarken drucken. Oder die ihre Echtheit überprüfen und von jedem Panscher geschmiert werden.

Hoffentlich mutiert Russland nicht zu so einem Nannystaat wie Deutschland, wo alles, aber wirklich alles reglementiert ist, welchen Hund man sich halten darf, wann man still und leise sein muss, ob und wo man rauchen darf usw. Der goldene Mittelweg zwischen Russland und Deutschland wäre wahrscheinlich für die Bürger optimal. Aber das bleiben wohl eher Wunschträume.

Film und immer wieder Film

Es ist wieder soweit, Moskau, oder besser Nikita Michalkow ruft zum alljährlichen Moskauer Internationalen Filmfestival.

Das Festival gibt es seit 1959 und es fand bis 1999 zweijährlich statt,. Seit 1999 können wir jedes Jahr dieses Spektakel aus nächster Nähe mit verfolgen.

Ich war nahezu jedes Jahr dabei und konnte viel Interessantes und auch eine weniger schöne Entwicklungstendenz beobachtenCollapse )

An einem Samstag

Im Angesicht des Supergaus in Japan gewinnt der Film Alexander Mindadzes „An einem Samstag“, der auf der diesjährigen Berlinale lief, an gnadenloser Aktualität. In den ersten aktionsgeladenen Minuten des Films laufen dem Zuschauer Schauer von Gänsehaut über den Rücken.

Ungläubigkeit, der Reaktor galt als megasicher, Ignoranz der Nomenklatura und ihre Hilflosigkeit brechen über Akteure und Zuschauer herein...Collapse )

Winterspaziergang

Das ideale Winterwetter, Sonne, Schnee und erträgliche Minusgrade, lockt zum Spaziergang. Wer am Wochenende nicht weiter rausfahren oder sogar an einem Arbeitstag mal aus dem Büro flüchten kann, dem ist ein Spaziergang auf dem Gelände der ehemaligen Schokoladenfabrik sehr zu empfehlen.

Gegenüber der Erlöserkathedrale am Moskwa-Ufer erstreckt sich das Gelände der Schokoladenfabrik. Die Fabrik wurde zwar ausgelagert, um Platz zu schaffen für sündhaft teure Loftwohnungen mit Quadratmeterpreisen um die 100 000$, aber die Bezeichnung und der Mythos sind geblieben. Auch der Laden mit den leckeren frischen Konfekts und unwiderstehlichen Süßigkeiten blieb im Viertel, er wurde nur etwas nach hinten verlagert.
An seiner Stelle, gleich neben der Patriarchenbrücke, hat ein nobles und sehr edel ausgestattetes Restaurant eröffnet. Allein der Kronleuchter ist eine Augenweide.
Tja, die alte Schokoladenfabrik aus dem 19. Jahrhundert ist ein teures Pflaster geworden.

Auf dem Weg zum Konfektladen, den ich bei richtigem Bilderbuchwetter...Collapse )