Dem ungeübten Betrachter fällt sicherlich nichts auf, wenn er in Moskau unterwegs oder nach gewisser Zeit wieder in die Stadt zurück gekehrt ist. Staus mit in der Mehrzahl großen und protzigen Autos, volle Restaurants, Menschenmassen am Morgen auf dem Weg zur Arbeit und am Abend zurück, das Nachtleben treibt wahnsinnige Blüten,
alles eigentlich wie immer.
Aber beim genaueren Hinsehen bemerkt man eine an einen großen Ameisenhaufen erinnernde hektische Betriebsamkeit. Da ruft eine Ehefrau aufgeregt ihren Mann im Büro an und verlangt, dass er sofort alles Geld von der Bank holen soll. Vor allem die Ersparnisse in Rubel. Man munkelt von einem neuen Crash.
In einem anderen Büro wird geflüstert, dass der Geldautomat sowieso leer sei und nicht mehr gefüllt würde. Plötzlich streben alle dahin und heben Geld ab. Noch mal gut gegangen, Geld war drin. Die Taschendiebe werden einen schönen Reibach machen, wenn alle ihr Geld mit sich rumtragen.
In den Nachrichten hört man von den katastrophalen Auswirkungen der Krise weltweit und wiegelt gleichzeitig ab: Russland ist gewappnet, wir kommen da relativ unbeschadet durch. Der Ölpreis fällt.
Warum fällt mir plötzlich der „Schwarze Obelisk“ von Remarque ein? Oder das berühmte bergmannsche Schlangenei, von dem ich die Bezeichnung für meinen Blog abgekupfert habe?
Auf verschiedenen Internetseiten werden marktschreierisch Katastrophennachrichten verbreitet, man bietet dem aufgeregten Leser die Listen mit den Firmen und Einrichtungen an, die bereits die Entlassungswelle rollen lassen. Das schafft eine ungute Atmosphäre. Die Russen sind ja Existenz gefährdende Umbrüche gewöhnt, davon hatte ich schon an anderer Stelle in meinem Blog geschrieben, aber sie fühlen das heraufziehende Unheil sehr genau und sind beunruhigt. Wenn hier Massenentlassungen stattfinden, fallen alle unabgefedert auf die Straße. Gewerkschaften, Betriebsräte fehlen hier weitestgehend, das hatte man beim Wildostkapitalismus wohlweißlich außer Acht gelassen bzw. unterbunden. Arbeitsämter aufzusuchen zieht kaum einer ins Kalkül, denn die gezahlten Mittel liegen unter der Gürtellinie. Abgelaufene Absätze und Fahrtkosten können damit gerade mal bezahlt werden.
Mal sehen, wie lange sich die Moskauer Immobilienluftblase halten wird. Kredite für Wohnungskäufe werden im Moment nicht vergeben, die Baufirmen kriegen auch keine mehr, nicht im In- und nicht im Ausland. Noch halten sich die unverschämt hohen Quadratmeterpreise. Obwohl heute zu lesen war, dass Eigentümer von Luxuswohnungen, die sie vermieten, Bereitschaft zeigen, die Mietpriese zu senken. Immerhin.
Vor dem Hintergrund der Krise wirken die Nachrichten in der Regenbogenpresse absurd. Da lassen sich Stare (oder wie heißen die Vögel) scheiden und es geht um Abfindungen in Millionenhöhe, eine stillende Diva erregt Missfallen, weil man die Brust sieht, zwei Ladies küssen sich auf einer Gala, irgendwelche Bewohnerinnen der Luxusmeile Rubljowskoje Chaussee drohen mit weiteren Buchveröffentlichungen, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt wurden, Oligarchen verschieben wegen der Krise ihre Märchenhochzeiten, ich könnte die Aufzählung noch lange fortsetzen, bin es aber eigentlich leid.
Bei den gegenwärtigen zahlreichen privaten Sorgen und Ängsten verliert man das politische Tagesgeschäft schnell aus den Augen. Und wacht vielleicht auf, wenn die letzten Klänge des Orchesters auf der Titanik sachte verklingen.


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